Archiv für den Monat: April 2016

Katastrophen als Marketingelement?

© Latizón TV: Kunsthandwerk aus Haiti
© Latizón TV: Kunsthandwerk aus Haiti

Ob Ausstellungen, Kulturprojekte oder Kunst – für diese Veranstaltungen finanzielle Unterstützung zu bekommen war schon immer nicht einfach. Man braucht eine zündende Idee, einen sogenannten Mehrwert für die Geldgeber oder eben einfach jemanden, den man kennt und der einen gerne unterstützt. Oder vielleicht ein Großevent, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht. Vor der WM in Brasilien 2014 zum Beispiel war es nicht schwierig, Kunstprojekte von brasilianischen Künstlern hier in Deutschland zu vermarkten. Wollte doch jeder auf den „brasilianischen Zug“ aufspringen und irgendwie auch mitfeiern. Und wer nicht dort sein konnte, der veranstaltete eben hier seine brasilianisch angehauchte Feier und tat so, als wäre er damit ein Teil der großen Veranstaltung im fernen Brasilien. Wenn eine Katastrophe passiert, wie zum Beispiel gerade das schwere Erdbeben in Ecuador, dann möchten plötzlich ebenfalls viele Kultur aus Ecuador unterstützen und mit einer ensprechenden Veranstaltung ihre wie auch immer geartete Solidarität zeigen. Ansonsten, so scheint es, ist es in diesen Monaten wieder schwieriger geworden, ein Kunst- oder Kulturprojekt mit Lateinamerikabezug einem Veranstalter finanziell schmackhaft zu machen. Galeristen erzählen mir, dass bei Anfragen sofort die Nachfrage kommt, ob Ihr Projekt nicht mit Flüchtlingen zu tun hat? Künstler erzählen mir, dass sie gefragt werden, ob sie oder sonst jemand aus ihrem Projekt gerade Asyl beantragen möchte. Anscheinend ist also das gerade der Zug, auf den alle „aufspringen“ möchten. Wer ein Projekt mit Asylsuchenden fördert, der kann sich das positiv auf die Fahnen schreiben oder bekommt zumindest Aufmerksamkeit. Lateinamerika hingegen scheint derzeit niemanden wirklich zu interessieren – bis eben mal wieder ein schlimmes Erdbeben viele Menschen obdachlos macht. Ich frage mich, ob das wirklich immer die richtigen „Marketinginstrumente“ sind. Brauchen wir, braucht die Kunst immer eine Katastrophe, eine schwierige Situation oder – im besseren Fall ein großes gesellschaftliches Event, um geschätzt zu werden und die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen? Kann die Kunst, kann die Kultur nicht alleine bestehen? Oder vielleicht sogar selbst der Zug sein, auf den alle aufspringen möchten? Das sind Fragen, die ich mir in diesen Wochen und Monaten immer wieder stelle. Und ich hoffe, dass  gerade die Kunst aus so kulturreichen Ländern wie den lateinamerikanischen es schafft, alleine zu bestehen.