Archiv für den Monat: März 2016

Zwischen Wollen und Können: die Weltmesse im Tourismus, ITB 2016

© Latizón TV: Einen Berliner Bären aus Schokolade gab´s von Ecuador zum 50. Geburtstag der ITB Berlin
© Latizón TV: Einen Berliner Bären aus Schokolade gab´s von Ecuador zum 50. Geburtstag der ITB Berlin

Kaum zu glauben, aber es gibt sie alle: die Möchtegerns, die Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfer, die Von-oben-Herabschauer, die Von-unten-nach-oben-Ducker und selbst diejenigen, die sich eine gute Berichterstattung auf der Messe erkaufen wollen. Für wenig Geld versteht sich. Und daneben gibt es die wirklich Engagierten, die sich durch diesen Dschungel schlängeln in der Hoffnung auf ein besonderes Statement, auf einen schönen Bericht, auf die Anerkennung, die sie verdienen. Diejenigen, die sich nicht kaufen lassen, die nicht vornerum lächeln und hintenrum verächtlich grinsen. Diejenigen, die noch keine Angst haben müssen, ein ehrliches Interview geben zu können. Und die das auch dürfen, ohne ängstlich nach dem nächsthöheren Kollegen schielen zu müssen. Diejenigen, die nicht behaupten, sie wären schon weg, obwohl sie noch da sind. Und diejenigen, die ihr Gegenüber ohne falsche Vorurteile ernst nehmen. Kurz diejenigen, die sich nicht nur auf dem hohen Ross präsentieren wollen, sondern denen ehrlich etwas liegt an ihren Ländern, ihren Angeboten und an den Menschen, die voller Erwartung die Weltmesse des Tourismus besuchen. Doch 2016 musste man ganz besonders suchen, um solche interessanten Zeitgenossen zu finden.
Klar, keine Frage, der Besuch der ITB in Berlin ist immer etwas Besonderes. Man erfährt aus erster Hand das Neueste rund um aller Länder der Welt. Man trifft interessante Menschen und knüpft tolle Kontakte. Man taucht ein in ein Flair, aus dem man nur ungern wieder herausgeht. Man sieht kaum mehr auffindbare Traditionen direkt neben den absoluten Highlights aus Technik und Tourismus, man trifft Trendsetter genauso wie Menschen, die noch begeistert von alter Handwerkskunst erzählen können. Kurzum, alles was man sonst nur schwer findet oder zumindest nicht alles auf einem Raum. Man bereist in wenigen Tagen irgendwie also die ganze Welt und fühlt sich danach als Experte in indischer Kochkunst genauso wie in mexikanischer Stickerei. Es könnte also alles so schön sein, wenn man sich nicht zwischendurch immer wieder auf Menschen treffen würde, die all das anscheinend nicht zu schätzen wissen. Die meinen, sie sind sowieso schlauer und besser und länger im Geschäft als jeder andere. Doch wenn man lernt, diese in Zukunft gekonnt zu umgehen – was leider nicht ganz so einfach ist, weil es ohne solche Zeitgenossen ja anscheinend doch nicht geht – dann genießt man die schönsten Eindrücke, die sicher sonst kaum eine Reisemesse in dieser Form bieten kann. Denn wo sonst findet man einen Schokoladenhersteller aus Ecuador, der einem nicht nur begeistert von seiner Kunst erzählt, sondern auch noch alle Sorten probieren lässt? Wo sonst findet man Tänzer aus Paraguay, die es schaffen beim Tanzen auch noch schöne Tongefäße auf dem Kopf zu balancieren fast direkt neben fröhlichen Tänzern aus der Dominikanischen Republik? Wo sonst findet man die Natur Costa Ricas fast Tür an Tür mit Malerei aus Haiti? Wahrscheinlich nirgends. Deshalb eine Bitte an alle ITB-Besucher für die Zukunft. Lasst die Messe das bleiben, was sie seit 50 Jahren ist. Ein Treffen der unterschiedlichsten Kulturen, eine Möglichkeit, gute und wichtige Kontakte zu knüpfen und ein Trendsetter im Bereich Reisen und Tourismus. Und kein Schaulaufen nach dem Motto, „wer ist der Beste im ganzen Land“.
Doch 2016 war sowieso alles etwas anders. 50 Jahre feierte die ITB. Und das sicher zurecht. Es gab verdiente Geschenke, aus Ecuador zum Beispiel einen Berliner Bären aus Schokolade. Doch schon am ersten Tag war klar, jeder erwartete eine Antwort auf die Frage: wie ist die Stimmung in diesem Jahr? Ich selbst war noch keine 8 Minuten auf der Messe, da war mir diese Frage bereits 2x gestellt worden. „Wie empfindest du die Stimmung dieses Jahr?“ Denn auch wenn im Vorfeld der Messe versucht wurde, diese Frage kaum aufkommen zu lassen, sie schwebte wohl doch allgegenwärtig im Raum. Zumindest an den ersten Messetagen. Denn die aktuelle weltpolitische Lage macht es dem Tourismus nicht einfach. Verhaltener Optimismus wurde gezeigt, der vielen Tourismus-Experten aber nur verständnisloses Kopfschütteln entlockte. Wird die Reisebranche einen Einbruch erleiden oder reisen die Menschen weiterhin trotz Angst vor möglichen Gefahren, Gewalt oder Krankheiten? Zu Beginn der Messe hatte man das Gefühl, dass keiner so recht weder ein negatives noch ein positives Statement abgeben möchte. Wohl deshalb kam zunächst keine so rechte Messestimmung auf. Ruhiger und verhaltener, so schien die ITB 2016 im Vergleich zu den Vorjahren. Wollte man keine eindeutige Prognose abgeben oder konnte man es nicht? Ist es überhaupt möglich, eine sichere Prognose abzugeben, wenn man nicht weiß, wie es weltpolitisch weitergehen wird? Oder wird es nur die Zukunft zeigen können? Alles wirkte irgendwie verhaltener, so als sollte diese Thematik am besten doch ausgeklammert werden. Man wollte doch feiern, 50 Jahre ITB. Und nach und nach kam auch wieder etwas mehr die übliche Messestimmung auf, die wir so gerne mögen und wegen der wir uns alle trotz des bekannten Messestresses auf die nächsten 50 Jahre ITB freuen.