Archiv für den Monat: Januar 2016

Das Flair der Stuttgarter Reisemesse

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© Latizón TV: Die Reisemesse CMT in Stuttgart
© Latizón TV: Die Reisemesse CMT in Stuttgart

Die CMT als die erste Reisemesse im Jahr gilt in der Branche als Trendsetter. Ich mache mich für Latizón TV auf den Weg nach Stuttgart. Vielleicht entdecke ich ja neue interessante Reiseangebote nach Lateinamerika? Und ein paar Interviewtermine mit Latinos in Stuttgart sind auch schon ausgemacht. Gerade als Kameras, Beleuchtung und Co. im Auto verstaut sind, kommt die Feinstaubwarnung für Stuttgart mit der Bitte, doch das Auto stehen zu lassen. Da ich aber alleine nach Stuttgart fahre und unseren Kameramann erst auf der Messe treffen werde, kann ich unmöglich die gesamte Technik mit dem Zug nach Stuttgart transportieren. Also doch das Auto und der feste Vorsatz, vor Ort für alle privaten Fahrten auf die Öffentlichen umzusteigen. Bei der Anfahrt zur Messe verstehe ich, warum Stuttgart so gefährdet ist für Feinstaub. Nachdem ich mich mit einer langen Autoschlange bis zum Messegelände vorgekrochen habe und die Parkplätze erreiche, wird aber ebenso schnell wieder das typische Stuttgarter Messeflair spürbar. Es ist anders als bei den Reisemessen in München, Hamburg oder Berlin, familiärer. Die Ordner empfangen mich freundlich mit ihrer schwäbisch-gemütlichen Art, die einem sofort das Gefühl gibt, hier ist man willkommen. Mindestens 5 Ordner schwanken zwischen Mitleid und Bewunderung, als ich meine mindestens 7 Taschen und Koffer Richtung Messeeingang balanciere. Irgendwie klappt es ganz gut, aber dann stelle ich fest, dass der Counter für die Presse-Akkreditierungen nicht besetzt ist. Der freundliche Hinweis auf das Pressezentrum im ersten Stock steht daneben. Dazu muss man allerdings durch die Drehkreuze und durch die kommt man nur mit Eintrittskarte. Wie komme ich also jetzt in 1. Stock? Das frage ich auch die freundliche Dame an den Drehkreuzen, die meine Frage anscheinend sehr amüsiert. Ihre Antwort: „Dann gehen Sie doch in den 1. Stock“, sagt sie breit grinsend. Auf meinen fragenden Blick hebt sie das Absperrband hoch und ich wühle mich und meine 7 Taschen und Koffer hindurch. Jetzt beginnt die eigentliche Schwierigkeit. Bereits vor den Eingängen zu den einzelnen Hallen wuseln hunderte Besucher in alle Richtungen, mittendrin ich mit meinen 7 Taschen und Koffern – irgendwie wollen alle nach links, merke ich bald, denn da geht es zu den Messeständen. Ich (richtig: mit meinen 7 Taschen und Koffern) muss aber nach rechts. Zum Glück entdeckt mich mein Kollege sofort und ich kann das meiste abgeben.
Jetzt beginnt sie also wieder, die Zeit der Reisemessen. Zunächst mache ich einen kleinen Rundgang, damit ich mir einen Überblick verschaffen kann. Gibt es „neue“ Reiseziele in Lateinamerika? Irgendwelche besonderen Angebote? Und was ich immer sehr interessant finde, gibt es wieder Aussteller und Angebote abseits vom reinen Tourismus? Viele nette Ideen und Kleinigkeiten habe ich auf der CMT in Stuttgart schon entdeckt in den letzten 5 Jahren. Und auch dieses Jahr finde ich wieder einiges. Kolumbianischen Schmuck aus Altmetall zum Beispiel. Voller Herzblut erzählt mir die Kolumbianerin Carmen Gaßmann, dass der Schmuck Frauen und Kindern in Kolumbien ein Einkommen sichert.
Natürlich gibt es auch die Regel bestätigende Ausnahme. Die gehört wahrscheinlich dazu, damit man nicht allzu euphorisch wird. Am Karibikstand mixt ein Barkeeper als Blickfang für die Besucher irgendwelche Cocktails. Wir filmen eine schön drapierte Ananas am Stand neben ihm. Trotzdem regt er sich 5 Minuten lautstark darüber auf, dass er gefilmt wird. Wir haben keine große Lust auf Diskussionen, verzichten darauf, ihm zu erklären, dass die Kamera ihn aus dieser Perpektive überhaupt nicht in Bild haben kann und beenden die Dreharbeiten an diesem Stand.
Was auch immer wieder interessant ist, ist das Verhalten des Standpersonals. Als vermeitlich typischer Urlaubsziel-Suchender wird man ganz anders behandelt, als mit einem Kameramann im Schlepptau. Die Geschichten, die einem erzählt werden, sind ähnlich. Natürlich wollen alle ihr Land, ihre Region und ihre Stadt als das beste Reiseziel anpreisen. Aber die Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, ist anders. Manchmal sind es nur Nuancen. Aber man merkt es doch. Es ist eine andere Art von Freundlichkeit, die vielleicht eher in Richtung Höflichkeit geht. Eine andere Mischung von Nähe und Distanz zwischen Standpersonal und Besucher. Der Versuch, das eigene Reiseziel ins rechte Licht zu rücken noch eine Idee gewollter. Aber ich habe in Stuttgart immer das Gefühl, dass alles sehr viel relaxter abläuft, so als würde man einen alten Bekannten treffen und ihm von seiner Stadt erzählen. Die Stuttgarter sind ein sehr freundliches und interessiertes Publikum. Die Stuttgarter fragen gerne nach und sie erzählen auch gerne. Und jeder hört gerne zu. Dieses Gefühl findet man auf anderen Messen weniger. Natürlich gibt es auch in Stuttgart die „Prospekteabgreifer“, die mit kleinen Wägelchen die Stände abfahren und einen Prospekt nach dem anderen einstecken. Ich traue mich wieder nicht, mal jemanden von ihnen zu fragen, was sie zuhause mit den vielen Prospekten machen. Aber es würde mich wirklich interessieren. Versuche ich selbst doch seit Jahren – und das mittlerweile auch erfolgreich – nicht mit 5 Taschen Messemateriel wieder heim zu fahren. Vor mir – mitten auf der Treppe – passiert einer dieser Prospektesammlerinnen ein kleines Malheur. Sie hat nur ein Wägelchen aus Karton, das den vielen Prospekten nicht standhalten kann. Die Prospekte sind auf der gesamten Treppe verstreut.
Zurück zu Lateinamerika. Das Angebot an Reiseveranstaltern ist hier natürlich kleiner als auf der größten Tourismusmesse in Berlin, aber für die CMT in Stuttgart gilt sicher das Sprichwort „klein, aber fein“. Ich treffe einen Reisebuchautor, der sein Herz Costa Rica geschenkt hat. Ich erfahre etwas über Segeltörns rund um Kuba und die Karibik. Und ich treffe eine Israeli, die seit Jahren argentinische Empanadas verkauft. Ihr Stand ist bekannt und beliebt auf der CMT in Stuttgart. Man kennt sich, man trifft sich, man unterhält sich. Es fühlt sich an, wie eine große Familie. Die Reisefamilie, die sich spätestens im März wieder auf der ITB in Berlin trifft. Doch dort wird alles anders sein. Die Treffen, die Unterhaltungen, die Zielsetzungen. Aber das ist auch gut so, denn die CMT in Stuttgart ist eben die CMT in Stuttgart. Und ich hoffe, dass sie das noch lange auf diese ihr eigene Art bleiben wird.