Good director – bad director…

© Latizón TV: Filmfest in München 2016
© Latizón TV: Filmfest in München 2016

Filmfeste gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Und lateinamerikanische Filme sind dabei sehr beliebt. Sei es bei der Berlinale, dem Filmfest München oder den kleineren Filmfesten für ein spezielles lateinamerikanisches Land. Mit vorne dabei natürlich immer die großen Filmnationen Lateinamerikas, wie zum Beispiel Mexiko oder (noch) Brasilien. und daneben immer, als Schmankerl, ein oder zwei Filme aus den Ländern, die sonst international kaum in Erscheinung treten. In diesem Jahr allerdings hat so ein Film sicher vielen anderen aus Lateinamerika doch etwas die Schau gestohlen. „Caracas-Eine Liebe“ punktete beim Münchener Filmfest-Publikum nicht nur allein dadurch, dass er 2015 in Venedig den Goldenen Löwen erhalten hat. Aber das war sicher ein Zugpferd. „5 Minuten schau ich mir meinen Film bei den Vorführungen immer an“, sagte mir Regisseur Lorenzo Vigas auf dem Filmfest. Und er war sicherlich zufrieden mit dem was er gesehen hat – auch vor der Leinwand. Unter den Zuschauern solche, die regelmäßig Filme aus Lateinamerika ansehen, klar, die lassen sich so einen Film nicht entrgehen – aber eben auch viele, die zum ersten Mal filmisch mit diesem Kulturkreis in Kontakt kommen. Und das bei einem doch nicht ganz einfachen Film, der in vielen Facetten Homosexualität, Vaterbeziehung und Kindheitstrauma unter einen Hut bringt. Sympatisch-salopp trat Vigas bei der deutschen Premiere seines Films auf und freute sich dort schon auf den offiziellen deutschen Kinostart am 30. Juni 2016 – und das trotz der vielen Auszeichnungen, die „Caracas-Eine Liebe“ schon erhalten hat.

Auf der anderen Seite fand man auf dem Filmfest aber auch junge Filmemacher, die ihren ersten Spielfilm zeigten und sich trotzdem unfreundlich und überheblich präsentierten, obwohl ihr Film nicht wirklich Zuschauer in die Kinosäle lockte. Auch das gibt es leider und die Zuschauer der Panals bzw. Filmmakers Live-Veranstaltungen merkten das auch. Aber gut – der Film kann schließlich nichts für seinen Regisseur oder seine Regisseurin und sollte trotzdem unvoreingenommen angesehen werden. Zumindest habe ich das versucht…

Katastrophen als Marketingelement?

© Latizón TV: Kunsthandwerk aus Haiti
© Latizón TV: Kunsthandwerk aus Haiti

Ob Ausstellungen, Kulturprojekte oder Kunst – für diese Veranstaltungen finanzielle Unterstützung zu bekommen war schon immer nicht einfach. Man braucht eine zündende Idee, einen sogenannten Mehrwert für die Geldgeber oder eben einfach jemanden, den man kennt und der einen gerne unterstützt. Oder vielleicht ein Großevent, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht. Vor der WM in Brasilien 2014 zum Beispiel war es nicht schwierig, Kunstprojekte von brasilianischen Künstlern hier in Deutschland zu vermarkten. Wollte doch jeder auf den „brasilianischen Zug“ aufspringen und irgendwie auch mitfeiern. Und wer nicht dort sein konnte, der veranstaltete eben hier seine brasilianisch angehauchte Feier und tat so, als wäre er damit ein Teil der großen Veranstaltung im fernen Brasilien. Wenn eine Katastrophe passiert, wie zum Beispiel gerade das schwere Erdbeben in Ecuador, dann möchten plötzlich ebenfalls viele Kultur aus Ecuador unterstützen und mit einer ensprechenden Veranstaltung ihre wie auch immer geartete Solidarität zeigen. Ansonsten, so scheint es, ist es in diesen Monaten wieder schwieriger geworden, ein Kunst- oder Kulturprojekt mit Lateinamerikabezug einem Veranstalter finanziell schmackhaft zu machen. Galeristen erzählen mir, dass bei Anfragen sofort die Nachfrage kommt, ob Ihr Projekt nicht mit Flüchtlingen zu tun hat? Künstler erzählen mir, dass sie gefragt werden, ob sie oder sonst jemand aus ihrem Projekt gerade Asyl beantragen möchte. Anscheinend ist also das gerade der Zug, auf den alle „aufspringen“ möchten. Wer ein Projekt mit Asylsuchenden fördert, der kann sich das positiv auf die Fahnen schreiben oder bekommt zumindest Aufmerksamkeit. Lateinamerika hingegen scheint derzeit niemanden wirklich zu interessieren – bis eben mal wieder ein schlimmes Erdbeben viele Menschen obdachlos macht. Ich frage mich, ob das wirklich immer die richtigen „Marketinginstrumente“ sind. Brauchen wir, braucht die Kunst immer eine Katastrophe, eine schwierige Situation oder – im besseren Fall ein großes gesellschaftliches Event, um geschätzt zu werden und die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen? Kann die Kunst, kann die Kultur nicht alleine bestehen? Oder vielleicht sogar selbst der Zug sein, auf den alle aufspringen möchten? Das sind Fragen, die ich mir in diesen Wochen und Monaten immer wieder stelle. Und ich hoffe, dass  gerade die Kunst aus so kulturreichen Ländern wie den lateinamerikanischen es schafft, alleine zu bestehen.

Zwischen Wollen und Können: die Weltmesse im Tourismus, ITB 2016

© Latizón TV: Einen Berliner Bären aus Schokolade gab´s von Ecuador zum 50. Geburtstag der ITB Berlin
© Latizón TV: Einen Berliner Bären aus Schokolade gab´s von Ecuador zum 50. Geburtstag der ITB Berlin

Kaum zu glauben, aber es gibt sie alle: die Möchtegerns, die Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfer, die Von-oben-Herabschauer, die Von-unten-nach-oben-Ducker und selbst diejenigen, die sich eine gute Berichterstattung auf der Messe erkaufen wollen. Für wenig Geld versteht sich. Und daneben gibt es die wirklich Engagierten, die sich durch diesen Dschungel schlängeln in der Hoffnung auf ein besonderes Statement, auf einen schönen Bericht, auf die Anerkennung, die sie verdienen. Diejenigen, die sich nicht kaufen lassen, die nicht vornerum lächeln und hintenrum verächtlich grinsen. Diejenigen, die noch keine Angst haben müssen, ein ehrliches Interview geben zu können. Und die das auch dürfen, ohne ängstlich nach dem nächsthöheren Kollegen schielen zu müssen. Diejenigen, die nicht behaupten, sie wären schon weg, obwohl sie noch da sind. Und diejenigen, die ihr Gegenüber ohne falsche Vorurteile ernst nehmen. Kurz diejenigen, die sich nicht nur auf dem hohen Ross präsentieren wollen, sondern denen ehrlich etwas liegt an ihren Ländern, ihren Angeboten und an den Menschen, die voller Erwartung die Weltmesse des Tourismus besuchen. Doch 2016 musste man ganz besonders suchen, um solche interessanten Zeitgenossen zu finden.
Klar, keine Frage, der Besuch der ITB in Berlin ist immer etwas Besonderes. Man erfährt aus erster Hand das Neueste rund um aller Länder der Welt. Man trifft interessante Menschen und knüpft tolle Kontakte. Man taucht ein in ein Flair, aus dem man nur ungern wieder herausgeht. Man sieht kaum mehr auffindbare Traditionen direkt neben den absoluten Highlights aus Technik und Tourismus, man trifft Trendsetter genauso wie Menschen, die noch begeistert von alter Handwerkskunst erzählen können. Kurzum, alles was man sonst nur schwer findet oder zumindest nicht alles auf einem Raum. Man bereist in wenigen Tagen irgendwie also die ganze Welt und fühlt sich danach als Experte in indischer Kochkunst genauso wie in mexikanischer Stickerei. Es könnte also alles so schön sein, wenn man sich nicht zwischendurch immer wieder auf Menschen treffen würde, die all das anscheinend nicht zu schätzen wissen. Die meinen, sie sind sowieso schlauer und besser und länger im Geschäft als jeder andere. Doch wenn man lernt, diese in Zukunft gekonnt zu umgehen – was leider nicht ganz so einfach ist, weil es ohne solche Zeitgenossen ja anscheinend doch nicht geht – dann genießt man die schönsten Eindrücke, die sicher sonst kaum eine Reisemesse in dieser Form bieten kann. Denn wo sonst findet man einen Schokoladenhersteller aus Ecuador, der einem nicht nur begeistert von seiner Kunst erzählt, sondern auch noch alle Sorten probieren lässt? Wo sonst findet man Tänzer aus Paraguay, die es schaffen beim Tanzen auch noch schöne Tongefäße auf dem Kopf zu balancieren fast direkt neben fröhlichen Tänzern aus der Dominikanischen Republik? Wo sonst findet man die Natur Costa Ricas fast Tür an Tür mit Malerei aus Haiti? Wahrscheinlich nirgends. Deshalb eine Bitte an alle ITB-Besucher für die Zukunft. Lasst die Messe das bleiben, was sie seit 50 Jahren ist. Ein Treffen der unterschiedlichsten Kulturen, eine Möglichkeit, gute und wichtige Kontakte zu knüpfen und ein Trendsetter im Bereich Reisen und Tourismus. Und kein Schaulaufen nach dem Motto, „wer ist der Beste im ganzen Land“.
Doch 2016 war sowieso alles etwas anders. 50 Jahre feierte die ITB. Und das sicher zurecht. Es gab verdiente Geschenke, aus Ecuador zum Beispiel einen Berliner Bären aus Schokolade. Doch schon am ersten Tag war klar, jeder erwartete eine Antwort auf die Frage: wie ist die Stimmung in diesem Jahr? Ich selbst war noch keine 8 Minuten auf der Messe, da war mir diese Frage bereits 2x gestellt worden. „Wie empfindest du die Stimmung dieses Jahr?“ Denn auch wenn im Vorfeld der Messe versucht wurde, diese Frage kaum aufkommen zu lassen, sie schwebte wohl doch allgegenwärtig im Raum. Zumindest an den ersten Messetagen. Denn die aktuelle weltpolitische Lage macht es dem Tourismus nicht einfach. Verhaltener Optimismus wurde gezeigt, der vielen Tourismus-Experten aber nur verständnisloses Kopfschütteln entlockte. Wird die Reisebranche einen Einbruch erleiden oder reisen die Menschen weiterhin trotz Angst vor möglichen Gefahren, Gewalt oder Krankheiten? Zu Beginn der Messe hatte man das Gefühl, dass keiner so recht weder ein negatives noch ein positives Statement abgeben möchte. Wohl deshalb kam zunächst keine so rechte Messestimmung auf. Ruhiger und verhaltener, so schien die ITB 2016 im Vergleich zu den Vorjahren. Wollte man keine eindeutige Prognose abgeben oder konnte man es nicht? Ist es überhaupt möglich, eine sichere Prognose abzugeben, wenn man nicht weiß, wie es weltpolitisch weitergehen wird? Oder wird es nur die Zukunft zeigen können? Alles wirkte irgendwie verhaltener, so als sollte diese Thematik am besten doch ausgeklammert werden. Man wollte doch feiern, 50 Jahre ITB. Und nach und nach kam auch wieder etwas mehr die übliche Messestimmung auf, die wir so gerne mögen und wegen der wir uns alle trotz des bekannten Messestresses auf die nächsten 50 Jahre ITB freuen.

Das Flair der Stuttgarter Reisemesse

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© Latizón TV: Die Reisemesse CMT in Stuttgart
© Latizón TV: Die Reisemesse CMT in Stuttgart

Die CMT als die erste Reisemesse im Jahr gilt in der Branche als Trendsetter. Ich mache mich für Latizón TV auf den Weg nach Stuttgart. Vielleicht entdecke ich ja neue interessante Reiseangebote nach Lateinamerika? Und ein paar Interviewtermine mit Latinos in Stuttgart sind auch schon ausgemacht. Gerade als Kameras, Beleuchtung und Co. im Auto verstaut sind, kommt die Feinstaubwarnung für Stuttgart mit der Bitte, doch das Auto stehen zu lassen. Da ich aber alleine nach Stuttgart fahre und unseren Kameramann erst auf der Messe treffen werde, kann ich unmöglich die gesamte Technik mit dem Zug nach Stuttgart transportieren. Also doch das Auto und der feste Vorsatz, vor Ort für alle privaten Fahrten auf die Öffentlichen umzusteigen. Bei der Anfahrt zur Messe verstehe ich, warum Stuttgart so gefährdet ist für Feinstaub. Nachdem ich mich mit einer langen Autoschlange bis zum Messegelände vorgekrochen habe und die Parkplätze erreiche, wird aber ebenso schnell wieder das typische Stuttgarter Messeflair spürbar. Es ist anders als bei den Reisemessen in München, Hamburg oder Berlin, familiärer. Die Ordner empfangen mich freundlich mit ihrer schwäbisch-gemütlichen Art, die einem sofort das Gefühl gibt, hier ist man willkommen. Mindestens 5 Ordner schwanken zwischen Mitleid und Bewunderung, als ich meine mindestens 7 Taschen und Koffer Richtung Messeeingang balanciere. Irgendwie klappt es ganz gut, aber dann stelle ich fest, dass der Counter für die Presse-Akkreditierungen nicht besetzt ist. Der freundliche Hinweis auf das Pressezentrum im ersten Stock steht daneben. Dazu muss man allerdings durch die Drehkreuze und durch die kommt man nur mit Eintrittskarte. Wie komme ich also jetzt in 1. Stock? Das frage ich auch die freundliche Dame an den Drehkreuzen, die meine Frage anscheinend sehr amüsiert. Ihre Antwort: „Dann gehen Sie doch in den 1. Stock“, sagt sie breit grinsend. Auf meinen fragenden Blick hebt sie das Absperrband hoch und ich wühle mich und meine 7 Taschen und Koffer hindurch. Jetzt beginnt die eigentliche Schwierigkeit. Bereits vor den Eingängen zu den einzelnen Hallen wuseln hunderte Besucher in alle Richtungen, mittendrin ich mit meinen 7 Taschen und Koffern – irgendwie wollen alle nach links, merke ich bald, denn da geht es zu den Messeständen. Ich (richtig: mit meinen 7 Taschen und Koffern) muss aber nach rechts. Zum Glück entdeckt mich mein Kollege sofort und ich kann das meiste abgeben.
Jetzt beginnt sie also wieder, die Zeit der Reisemessen. Zunächst mache ich einen kleinen Rundgang, damit ich mir einen Überblick verschaffen kann. Gibt es „neue“ Reiseziele in Lateinamerika? Irgendwelche besonderen Angebote? Und was ich immer sehr interessant finde, gibt es wieder Aussteller und Angebote abseits vom reinen Tourismus? Viele nette Ideen und Kleinigkeiten habe ich auf der CMT in Stuttgart schon entdeckt in den letzten 5 Jahren. Und auch dieses Jahr finde ich wieder einiges. Kolumbianischen Schmuck aus Altmetall zum Beispiel. Voller Herzblut erzählt mir die Kolumbianerin Carmen Gaßmann, dass der Schmuck Frauen und Kindern in Kolumbien ein Einkommen sichert.
Natürlich gibt es auch die Regel bestätigende Ausnahme. Die gehört wahrscheinlich dazu, damit man nicht allzu euphorisch wird. Am Karibikstand mixt ein Barkeeper als Blickfang für die Besucher irgendwelche Cocktails. Wir filmen eine schön drapierte Ananas am Stand neben ihm. Trotzdem regt er sich 5 Minuten lautstark darüber auf, dass er gefilmt wird. Wir haben keine große Lust auf Diskussionen, verzichten darauf, ihm zu erklären, dass die Kamera ihn aus dieser Perpektive überhaupt nicht in Bild haben kann und beenden die Dreharbeiten an diesem Stand.
Was auch immer wieder interessant ist, ist das Verhalten des Standpersonals. Als vermeitlich typischer Urlaubsziel-Suchender wird man ganz anders behandelt, als mit einem Kameramann im Schlepptau. Die Geschichten, die einem erzählt werden, sind ähnlich. Natürlich wollen alle ihr Land, ihre Region und ihre Stadt als das beste Reiseziel anpreisen. Aber die Art und Weise, wie die Geschichten erzählt werden, ist anders. Manchmal sind es nur Nuancen. Aber man merkt es doch. Es ist eine andere Art von Freundlichkeit, die vielleicht eher in Richtung Höflichkeit geht. Eine andere Mischung von Nähe und Distanz zwischen Standpersonal und Besucher. Der Versuch, das eigene Reiseziel ins rechte Licht zu rücken noch eine Idee gewollter. Aber ich habe in Stuttgart immer das Gefühl, dass alles sehr viel relaxter abläuft, so als würde man einen alten Bekannten treffen und ihm von seiner Stadt erzählen. Die Stuttgarter sind ein sehr freundliches und interessiertes Publikum. Die Stuttgarter fragen gerne nach und sie erzählen auch gerne. Und jeder hört gerne zu. Dieses Gefühl findet man auf anderen Messen weniger. Natürlich gibt es auch in Stuttgart die „Prospekteabgreifer“, die mit kleinen Wägelchen die Stände abfahren und einen Prospekt nach dem anderen einstecken. Ich traue mich wieder nicht, mal jemanden von ihnen zu fragen, was sie zuhause mit den vielen Prospekten machen. Aber es würde mich wirklich interessieren. Versuche ich selbst doch seit Jahren – und das mittlerweile auch erfolgreich – nicht mit 5 Taschen Messemateriel wieder heim zu fahren. Vor mir – mitten auf der Treppe – passiert einer dieser Prospektesammlerinnen ein kleines Malheur. Sie hat nur ein Wägelchen aus Karton, das den vielen Prospekten nicht standhalten kann. Die Prospekte sind auf der gesamten Treppe verstreut.
Zurück zu Lateinamerika. Das Angebot an Reiseveranstaltern ist hier natürlich kleiner als auf der größten Tourismusmesse in Berlin, aber für die CMT in Stuttgart gilt sicher das Sprichwort „klein, aber fein“. Ich treffe einen Reisebuchautor, der sein Herz Costa Rica geschenkt hat. Ich erfahre etwas über Segeltörns rund um Kuba und die Karibik. Und ich treffe eine Israeli, die seit Jahren argentinische Empanadas verkauft. Ihr Stand ist bekannt und beliebt auf der CMT in Stuttgart. Man kennt sich, man trifft sich, man unterhält sich. Es fühlt sich an, wie eine große Familie. Die Reisefamilie, die sich spätestens im März wieder auf der ITB in Berlin trifft. Doch dort wird alles anders sein. Die Treffen, die Unterhaltungen, die Zielsetzungen. Aber das ist auch gut so, denn die CMT in Stuttgart ist eben die CMT in Stuttgart. Und ich hoffe, dass sie das noch lange auf diese ihr eigene Art bleiben wird.

Fremde Kulturen – gleiche Kultur

© Latizón TV: Wintersonnwend-Feier
© Latizón TV: Wintersonnwend-Feier

Eine (Urlaubs-) Reise hat wohl jeder von uns schon einmal unternommen. Egal ob in ein Nachbarland oder auf einen anderen Kontinent – das Zauberwort bei jeder Reise (lässt man einmal reine Strand- und Vergnügungsreisen außen vor) heißt: Kultur. In seiner Steigerung: fremde Kultur. Es scheint, als ob uns diese beiden Wörter magisch verzaubern und zu Dingen antreiben, die wir sonst freiwillig kaum auf und nehmen würden. Wie sonst sollte man erklären, warum sich Menschen aus der Behaglichkeit des eigenen Zuhauses unter Erduldung zahlreicher Strapazen wie ungewohntes Klima, unbekanntes Essen und nicht verstandene Sprache hinaus in die Ferne begeben? Es ist das Kennenlernen einer fremden Kultur. Oder sollte man besser sagen, die Suche nach einer fremden, einer anderen Kultur? Die lateinamerikanische Kultur – oder Kulturen – gehört dabei sicher zu einer der Attraktivsten. Doch was heißt eigentlich Kultur? Kann man eine fremde Kultur wirklich kennenlernen? Und vor allem, wann kann man von einer „fremden“ Kultur sprechen? So scheint also gerade die Frage nach der Fremdartigkeit einer Kultur eine sehr immanente zu sein, besonders in Lateinamerika, wo wie in sonst kaum einer anderen Region der Erde kolonialzeitliche, europäische Kultur mit indigener Kultur verschmolzen ist. Doch genügt das bloße Vorhandensein oberflächlich unterschiedlicher Verhaltensweisen und Bräuche schon, um von einer „Fremdartigkeit“ der Kultur zu sprechen? Ist es nicht eher so, dass man von einer globalen menschlichen Kultur sprechen sollte, die sich auf den verschiedenen Kontinenten lediglich in unterschiedlichen Facetten zeigt? Ich würde sagen: ja.
Kultur lässt sich, abstrakt betrachtet, reduzieren auf einige grundlegende Charakteristika, Rituale und Symbole. Diese sind immer gleich. Wir finden Sie bei den Asháninka im brasilianischen Regenwald genauso wie bei den Aborigines in Australien als auch bei uns im zentralen Mitteleuropa. Beispiele dafür gibt es genügend, wenn man mit offenen Sinnen durch fie Welt geht. Das Labyrinth beispielsweise gehört sicherlich zu diesen fundamental menschlichen Kultur-Symbolen. Auch der Tanz gehört ganz sicher dazu. Wem das alles zu abstrakt klingt, der könnte einmal eine Wintersonnwend-Feier in Deutschland und eine Feuerzeremonie der Maya mitmachen.

Es ist wahr – Kunst verbindet

© Latizón TV:  Interview zu Panamericanarte
© Latizón TV: Interview zu Panamericanarte

Kunst verbindet…und manchmal schafft sie auch länder- und kontinenteübergreifende Bindungen. Viele heutige Freunde und Bekannte aus allen Erdteilen habe ich über die Kunst kennengelernt. In Regensburg zum Beispiel durfte ich in diesem Jahr einige Projekte von Mariana Steiner Michael Schäffer kennenlernen. Auch die beiden verbindet u.a. die Liebe zur Kunst. Sie haben für ihr aktuelles Projekt über 220 Künstler in 20 Ländern kennengelernt. 28 Monate waren die Argentinierin Mariana und der Oberpfälzer Michael dafür unterwegs. Ein Großteil der Reise führte sie dabei durch Lateinamerika. Und die Künstler aus Lateinamerika haben die beiden auch ganz besonders ins Herz geschlossen. Aus der Idee, von unterschiedlichen Künstlern ein gemeinsames Bild malen zu lassen wurde eine 115 Meter lange Leinwand, die mittlerweile auch in Deutschland zu sehen war. Und auch einige der mitwirkenden Künstler waren bereits zu Besuch in Deutschland.
Ich finde es immer wieder faszinierend, wie aus einer anfangs kleinen Idee ein großes Projekt entsteht. Und aus diesem Projekt eine große Leidenschaft, die sich über viele Jahre weiter entwickelt und Brücken zwischen Deutschland und Lateinamerika aufbaut.

PanAmericanArte heißt das Projekt von Mariana und Michael, denen man die Freude deutlich an sieht. Die Freude darüber, dass aus einer anfänglichen Idee eine vorzeigbare Ausstellung geworden ist. Die Freude darüber, dass sie in den 28 Reisemonaten aufgebauten Beziehungen zu lateinamerikanischen Künstlern noch immer Bestand haben. Und die Freude darüber, dieses Projekt nun gemeinsam mit vielen Interessierten hier in Deutschland weiterleben zu lassen…

Inzwischen sind die beiden bei Märchen und Mythen aus Costa Rica in Bildern von dortigen Künstlern angelangt. Ich bin gespannt, was als nächstes auf dem Programm steht.

Chilenische Coming-Out Geschichte im Kino

Es ist die klassische Coming-Out-Geschichte: Der junge und erfolgreiche Architekt Bruno, mit der schönen Soledad verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, entdeckt plötzlich, dass etwas mit ihm nicht mehr stimmt. In seinen Gefühlen für Soledad verunsichert fühlt er sich im Kreise der Familie unwohl und eingesperrt. Er flieht in die Zurückgezogenheit der Fahrradwerkstatt seines Großvaters, wo er versucht, den Grund für seine emotionale Verwirrung zu finden. Als Bruno den smarten und lebenslustigen Fez kennenlernt, überrollt ihn eine völlig neue, reizvolle Erfahrung: Bruno fühlt sich magisch zu dem bekennenden homosexuellen Mann hingezogen, entwickelt eine brennende Leidenschaft und Begierde. Auch Fez verliebt sich in Bruno und die beiden Männer verbringen eine – scheinbar – glückliche Zeit. Doch nach und nach holt Bruno seine Vergangenheit und sein „normales“ Leben wieder ein – und damit beginnt für ihn die schmerzvollste Zerreißprobe seines Lebens…
„In the Grayscale“/“En la gama de los Grises“ zeigt die typische Geschichte eines Mannes, der auf einmal feststellt, dass er sich zu anderen Männern hingezogen fühlt – mit allen daraus resultierenden Problemen und Konflikten. Der Film tut dies auf eine sehr gefühlvolle und sensible Art und Weise und stellt die zwischenmenschlichen Kämpfe und die innere Zerrissenheit in den Vordergrund. Schauspielerisch hervorragend in Szene gesetzt, nimmt der Film den Zuschauer sofort gefangen, ungeachtet der wohl für viele eher befremdlichen und unbekannten Thematik. Ohne erhobenen Zeigefinger oder moralische Belehrung will „In the Grayscale“ die Emotionalität aufzeigen, die ganze Bandbreite innerer Aufgewühltheit und die Einsamkeit des Individuums, das unausweichlich vor die Entscheidung gestellt wird, mit seinem bisherigen Leben zu brechen oder nicht.

ab 29. Oktober 2015 in den deutschen Kinos sowie auf DVD erhältlich

Lateinamerika bei uns in Europa

© Latizón TV: Argentinienfahne in Wildalpen
© Latizón TV: Argentinienfahne in Wildalpen

Klar, in den großen Städten wie Berlin, Hamburg oder München, da findet jeden Tag eine Veranstaltung mit Bezug zu Lateinamerika statt. Aber was mich besonders fasziniert, ist Lateinamerika in Städte wie Eisenach in Thüringen, Wemding im Donau-Rieß oder im 500 Einwohner zählenden Wildalpen in Österreich zu finden. Ich finde es immer wieder spannend, kleine Berührungspunkte mit Lateinamerika in unserem Leben zu entdecken, Sport-Veranstaltungen, bei denen man gar nicht mit Teilnehmern aus Lateinamerika rechnet, oder kleine Orte zu finden, bei denen selbst Einheimische fragen „aus Lateinamerika gibt es etwas hier bei uns?“ Und es freut mich dann, wenn mir Zuschauer schreiben, die überrascht waren, wo im täglichen Leben in Deutschland überall Lateinamerika zu finden ist. Manchmal läuft man tagtäglich daran vorbei, wie zum Beispiel an den schon hier im Blog erwähnten Fuchsien und Sonnenblumen, manchmal übersieht man es einfach, weil zum Beispiel ein Teilnehmer aus Peru bei einer Ski-WM nicht unter den ersten ist und daher kaum beim Wettkampf im Fernsehen gezeigt wird und ganz oft weiß man es auch einfach nicht. Und gerade diese, mal kleinen, mal großen Beziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika, sind es, die ich gerne auf Latizón TV zeige. Menschen, Vereine oder Dinge, von denen man sonst nur selten Notiz nimmt und die nicht täglich in den Medien sind. Sie alle sind mindestens genauso interessant und faszinierend. Und aus euren Mails erkenne ich, dass viele von euch das genauso spannend finden.

Skampida? Nie gehört…

© Latizón TV: Skampida beim Interview mit Latizón TV
© Latizón TV: Skampida beim Interview mit Latizón TV

Skampida? – hm, nie gehört. OK, das ging wohl mehreren so, nicht nur mir. Doch die kolumbianische Band wird sich sicher bald einen Namen machen. Schließlich hatten andere kolumbianische Bands, wie zum Beispiel Doctor Krápula, bei ihren ersten Besuchen in Deutschland auch noch kein großes Stammpublikum. So waren – neben mir – im Publikum doch einige, die sich überraschen lassen wollten als die Band diesen Sommer wieder durch Deutschland tourte.
Und überrascht wird man von Skampida wirklich. „Skampida Style steht auf eurer Homepage. Was genau ist euer Style?“ habe ich die Jungs im Vorfeld zum Konzert gefragt. Und die Antwort war, dass sie sich nicht in eine musikalische Schublade stecken lassen wollen, sondern mit den unterschiedlichsten Musikarten die unterschiedlichsten Reaktionen bei ihrem Publikum hervorrufen wollen. Schon nach den ersten 3 Songs war klar, was Pedro, der Bassist von Skampida, damit meinte. Mal rockig, mal punkig, mal laut, mal ruhig – die Konzerte von Skampida sind ein Auf-und-Ab der musikalischen Gefühle. Eine Mischung aus Schlagzeug, Gitarre, Bass und Trompete. Ein Mischung aus lautem „die Meinung sagen“ undgefühlvollem „Vermitteln von Überzeugungen“. Ok, zugegebenermaßen war ich am Anfang skeptisch. Die ersten Lieder, die ich von der Band gehört habe, treffen nicht unbedingt meinen Musikgeschmack. Aber da Skampida ja eben nicht nur einen Stil hat, lohnte es sich, auch noch weitere Lieder anzuhören.Und so ertappe ich mich nun manchmal dabei, den Refrain von „All I wanna“ vor mich hinzusummen 😉
Die Jungs von Skampida haben viel zu sagen. Über ihre Heimat Kolumbien, über Musik und das Leben im Besonderen. Und das drücken sie mit ihrer Mischung, ihrem Skampida Style sicher am besten aus. Schließlich gibt es für die vielen Erlebnisse im Leben auch nicht nur eine Emotion und Stimmung…

Kultur im Öffentlichen Raum

© Latizón TV: Das kleinste Museum Ingolstadts
© Latizón TV: Das kleinste Museum Ingolstadts

Kunst und Kultur im Öffentlichen Raum habe ich in diesem Jahr oft getroffen. Es scheint immer beliebter zu werden, Kultur an Orte zu bringen, wo sie zunächst nicht vermutet wird. So gab es zum Beispiel eine Ausstellung in einem Regensburger Einkaufszentrum oder eine Ausstellung im kleinsten Museum Ingolstadts. Ein ehemaliges Messpegelhäuschen am Donau-Radwanderweg. Dort findet man noch bis Oktober 2015 eine Ausstellung zu Leonhart Fuchs. Und zahlreiche Wanderer und Radfahrer bleiben überrascht vor dem kleinen Häuschen stehen, in dem früher einmal der Pegelstand der Donau gemessen wurde. Auch ich war überrascht, als ich bei meinen Recherchen über die aus Lateinamerika stammenden Fuchsien und ihrem Namenspatron Leonhart Fuchs auf diesen ungewöhnlichen Kulturraum gestoßen bin. Und ich finde es schön, in meinem Alltag plötzlich auf Kunst und Kultur zu treffen. Vielleicht ist es gerade deswegen, weil man oft nicht die Zeit für einen längeren Museumsbesuch hat oder den Besuch einer Austellung bis zur Finissage hinausschiebt. Und plötzlich trifft man doch auf die Kunst. Und weil man so überrascht ist, sie so unerwartet zu treffen, nimmt man sich die Zeit für sie. Es ist ein bisschen so, als würde man nach langer Zeit unerwartet einen guten Freund wieder treffen. Auch dann nimmt man sich die Zeit für ein kleines Gespräch – nicht ohne dabei festzustellen, dass man sich „schon viel zu lange“ nicht gesehen oder gemeldet hat. Und genauso ist es wohl mit der Kunst. Deshalb finde ich, es sollte viel mehr solche Ausstellungen und Veranstaltungen an ungewöhnlichen Orten geben. In Nürnberg zum Beispiel gibt es die Pocket Opera Company, kurz POC, die ihre klassischen Theaterstücke in modernes Gewand bringt, sprich an ungewöhnliche Orte, in alte Lagerhallen oder sogar in einen Waschsalon…